06.01.23
Ich glaub’, mein Wein pfeift
Es wird schon wieder hell, als durch den Morgennebel endlich das Hotel in Sicht kommt. Unser Fahrer ist genauso müde wie wir – nur erheblich nüchterner. Jedenfalls hoffen wir das. Michi Lorenz ist einer der Winzer, die wir in der Steiermark besucht haben. Am Tag zuvor haben wir noch mit ihm verkostet: erst ein Dutzend Weine in der kleinen Wirtschaft, die er nebenbei betreibt, dann noch einmal genauso viele in seinem Keller nebenan. Zum Weingut gehört auch das kleine Bed and Breakfast, in dem wir untergebracht sind. Am Abend waren wir zusammen Essen gewesen und dann folgte eins aufs andere. Wir verabschieden uns unter tosendem Vogelgezwitscher, und während Andy, Maria und ich uns die Stufen zu unseren Zimmern empor schleppen, wissen wir schon: es wird wieder eine sehr kurze Nacht.
Das romantische Bild der Weinreise unterschlägt oft, wie anstrengend sie tatsächlich ist! In drei Nächten haben wir gerade soviel geschlafen wie normalerweise in einer, und an drei Tagen mehrgetrunken als sonst in drei Wochen.
Warum? Und warum so? Zum einen, und das darf auf keinen Fall unterschlagen werden, weil es trotz der Anstrengung unglaublich Spaß macht! Wir waren an wunderschönen Orten, haben das Sausal, die Weinstraße und die Ost-Steiermark gesehen, haben alte Freundschaften erneuert, neue geschlossen und beides gehörig mit Wein besiegelt. Aber vor allem sind wir für eine kurze Zeit ganz in diese Welt eingetaucht: wir haben die Geschichten dieses Ortes gehört, haben die kleinen Zankereien und größeren Zwiste mitbekommen, das Essen gegessen, die Weine getrunken und uns in die steirische Melodie reingehört. Es gibt keine bessere Möglichkeit, um eine Region kennenzulernen, als sich auf diese Weise in sie zu versenken. Und wenn man dafür nicht Monate, sondern nur Tage hat, bleibt für Schlaf eben nicht mehr viel Zeit.
Den Ausschlag für unsere Reise hatte Herbert König gegeben. Herbert und sein Bruder Karlheinz betreiben Wachstum König, einen wunderschönen Hof auf dem Kittenberg, von dem aus man das komplette Sausal überblickt. Hier wachsen nicht nur jene uralten Obstbäume, von denen die großartigen Säfte und Fruchtschäumer der Königs stammen, sondern eben auch Wein – Wein, den wir gerne bei Viniculture haben wollten. Aber als wir auf unserer Hausmesse im Sommer vorsichtig danach fragten, hat Herbert uns freundlich zu verstehen gegeben, dass doch vorher vielleicht ein Besuch eventuell mal angemessen sei. Er musste nicht zweimal fragen: Andy sagte sofort zu, dass wir noch dieses Jahr vorbeikommen würden, und fragte prompt Maria und mich, ob wir nicht mitkommen wollten. Gefragt, getan.
Herbert hatte recht. Wachstum König ist einer dieser Orte, die man erlebt haben muss, um ihre Magie zu verstehen, weil selbst Details nicht das ganze Gefühl vermitteln: die Schafe, die zwischen den Obstbäumen grasen; die Gänse, die schnatternd und flügelschlagend ihre Tränke bewachen; der Blick in die Ferne, wo Hügelketten sich im Blaugrau verlieren; Karlheinz und Herbert, die mit soviel Begeisterung über das Sausal sprechen, das die einzige Region in der Steiermark ist, wo es jede Menge Schiefer gibt, weil sie in grauer Vorzeit als Insel aus dem Urmeer hervorstach, sodass keine Muscheln ihre kalkhaltigen Leiber darüber verteilen konnten; die Mama der zwei, die sich extra für uns herausgeputzt hat, und erzählt, wie sie die „Hölle“, ihren steilsten Weinberg, terrassiert haben, nachdem ihr Mann bei einem Traktorunfall ums Leben gekommen war. Sicher hat es auch mit den Weinen selbst zu tun, die wir mit den Königs verkostet haben: Würze, Rauch, Salz, dabei immer Spannung und gelegentlich fordernder Gerbstoff. „Mit dem Wölsch [Welsch] muss man a bissel Raufen,“ kommentiert Herbert das. Er kümmert sich vor allem um die Weine, sein Bruder Karlheinz um das Obst, aber letztendlich müssen in einem so kleinen Betrieb ohnehin alle ein wenig von allem machen. „Ohne die Mama ginge es nicht,“ hält Herbert außerdem fest. Wachstum König hat eine lange Geschichte am Ort: viele der berühmteren Winzer*innen der Steiermark haben hier ehemals gelernt. Auch deshalb haben die Königs schon mehrfach die Einladung bekommen, dem Bund „Schmecke das Leben“ beizutreten, der die Steiermark in Sachen naturbelassene Weine wieder auf den Schirm gebracht hat. Die Mitglieder: Werlitsch, Tscheppe, Tauss, Strohmeier und Muster. König hätte Nummer Sechs sein können, aber obwohl Herbert und Karlheinz nur Lob für die oben genannten haben – sie machen lieber ihr eigenes Ding.
Die Königs bewirtschaften drei Lagen, die sie selbst benannt haben: Sommer (oben auf dem Hang auf blauem Schiefer), Hölle (eine sehr steile, mittlerweile terrassierte Lage, wo Muschelkalk stückweise den Schiefer ablöst), und Wiesengarten (unterhalb des Hauses, wo sich roter Schiefer und Lehm zum blauen Schiefer mischen). Darauf wachsen der bereits erwähnte Welschriesling, dann Sauvignon Blanc, Gelber Muskateller, Weißburgunder, und auch etwas Grauburgunder, der maischevergoren als „Brutal“-Wein auf Markt kommen wird. Schon am allerersten Abend, an dem wir Herbert in seinem Restaurant Laufke in Graz besucht hatten, war klar geworden, dass er ein Freund von Schalenkontakt und Maischegärung ist (die ersten drei Weine der Begleitung waren alle „orange“). Wenig erstaunlich also, dass auch seine eigenen Weine allesamt merklich Gerbstoff aufweisen, der sich allerdings ziemlich schön einfügt und Dichte und Struktur beisteuert. Die Königs wollen keine typisch steirischen Weine machen, sondern lieber ihren eigenen Stil finden, der zu diesem Ort, ihren Reben, ihnen selbst und ihrem Keller passt. Gerade letzterer gehöre ohnehin zu einem ordentlichen Verständnis von Terroir dazu, findet Herbert, deshalb haben er und sein Bruder auch lieber die alten Fässer ihres Vaters aufwendig wieder herrichten lassen, anstatt sich neue in den Keller zu holen. Es ist ihnen gelungen: die König-Weine sind eigenständig und schwer mit irgendeinem der vielen Weine zu vergleichen die wir auf unserer Reise getrunken haben. Das dunkel-würzige, rauchige Arome taucht öfter auf. Herbert erklärt das mit dem Schiefer. Aber die Spannung und diese salzigen, beinahe herzhaften Untertöne selbst bei denaromatischen Rebsorten sind wirklich besonders. Dazu viel Druck und immer Frische. „`S musspfeifen wie die Feuerwehr,“ findet Herbert.
Wachstum König war unsere erste Station. Es folgten Schlafmangel und Dauerschwips – und vielespannende Weingüter: Hartmut Aubell vom Rebenhof an der Weinstraße macht unglaublichgelassene Weine ein paar hundert Meter von der slowenischen Grenze entfernt und tischt dazu in seiner Wirtschaft auch hervorragend auf. Michi Lorenz, unser Fahrer vom Anfang, ist ein experimentierfreudiger Tausendsassa, der selbst teilweise gar nicht weiß, wie gut seine Weineeigentlich sind, und dessen Schülcher [Schilcher] uns noch immer im Gedächtnis und im Kiefersitzt. Ploder-Rosenberg ist ein umfassend biodynamischer Betrieb, in dem ein junges Pärchennicht nur spannende Weine in Qvevri unterm freien Himmel macht, sondern auch eines der besten Sauerbiere außerhalb Belgiens. Und Joseph Totter, der „Dotter-Joseph“, der unwahrscheinlich starke Weine aus älteren piwi (also pilzwiderstandsfähigen) Reben in der Ost-Steiermark erzeugt – und uns mit großartigem, selbstgemachtem Schinken bewirtet hat.
Herbert hatte sich vorgenommen, uns nicht die üblichen Verdächtigen zu zeigen, so gut sie auch sind, sondern ein paar der spannenden, weniger weitläufig bekannten Betriebe. Er hat definitiv abgeliefert. Und wir sind unglaublich dankbar für die Gastfreundschaft, die die Königs und sie alle uns entgegengebracht haben. Es waren anstrengende Tage. Und sie waren es wert.
Die Weine von Wachstum König findet Ihr bald bei Viniculture.
Unterwegs waren: Maria Rehermann, Andreas Fissel, Paul Knittel